Von Naturmenschen und Satyrn: Wie Cranach die Mythen seiner Zeit in ein Bildtäfelchen von 27 Zentimetern packte

Shownotes

Ein kleines Bildtäfelchen von gerade mal 27,3 x 15,2 cm. Und trotzdem steckt darin eine Geschichte, die von Wittenberg bis zur griechischen Mythologie reicht, und sogar bis in die Alpen hier bei uns.

Auf diesem kleinen Bild malte er eine Familie mitten im Wald: einen bärtigen Mann mit einer Keule und einem erschlagenen Löwen, eine wunderschöne, fast nymphenhafte Frau mit goldenem Haar, und zwei kleine Kinder. Niemand dringt so weit in den Wald vor, niemand wird diese Familie je stören.

Ausser uns. Denn die Frau schaut uns an.

Was macht diesen Mann zum Naturmenschen und nicht zum Satyr der griechischen Antike? Und warum hat Cranach die Regeln der Ikonografie hier ganz bewusst durcheinander gebracht? Darum geht es in dieser Episode.

Du erfährst:

  • Wer die Wilden Leute in der mittelalterlichen Vorstellung waren
  • Warum ein einziges winziges Detail alles verändert
  • Was Cranach mit der Mythologie der Antike zu tun hatte und warum das nördlich der Alpen eine Rolle spielte

**Links: **

Lucas Cranach d.Ä., Familie der Naturmenschen, um 1530. Würth Collection, Johanniterkirche, Schwäbisch-Hall Albrecht Dürer, Bildnis des Oswolt Krel, 1499. Alte Pinakothek München

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Transkript anzeigen

00:00:00: Schon mal im wilden Mann eingekehrt?

00:00:03: Und hast du dich schonmal gefragt, wer das wohl gewesen sein musste als Namensgeber von so vielen gemütlichen Gasthäusern geirrt wird.

00:00:10: Vielleicht war es einer der zwischendurch so richtig durchdrehte und man aufpassen musste oder er war einer der wie ein wildes Tier weit weg von der Zivilisation lebte – so richtig wild eben!

00:00:22: Wir wissen es nicht.

00:00:23: und Lukas Kranach, der ältere, der um fifteenhundertdreißig das entzückende Bildchen Die Familie der Naturmenschenmalte wusste es wohl auch nicht zurecht.

00:00:33: Mal schauen, wer die Frage für sich beantwortete.

00:00:39: Herzlich willkommen zum Podcast Schöne Kunst auf Zeitreise durch die Kunstgeschichte!

00:00:46: In diesem Podcast erfährst du alles aus der Welt der Kunst und warum Kunstwerke Zeitmaschinen sind.

00:00:56: Ich bin Roswita Feger-Risch, Kunsthistorikerin und dein Personal Art Guide.

00:01:01: Das ist der dritte und letzte Teil meiner Miniserie die ich als Gast in der Sammlung Alte Meister der Wirtcollection in Schwäbisch-Hal produziert habe.

00:01:10: Ich stelle ein Bild vor, das mich in der Johanniterkirche wo die Sammlungen einzigartig präsentiert ist besonders berührt hat.

00:01:17: Lukas Kranach, der Maler war ein sehr bekannter und sehr erfolgreicher Maler zu seiner Zeit.

00:01:24: er wurde fourteenhundertzeihundseipzig in Kronach geboren daher der Name Kranahe und starb am sechzehnten Oktober fifteenhundertdreifünfzig in Weimar.

00:01:35: Seine Ausbildung machte er vermutlich in der Werkstatt seines Vaters, wie das damals üblich war und ging dann im Jahr fifteenhundertzwei oder drei nach Wien.

00:01:47: Aus dieser Zeit, der war dreißig oder einunddreißig Jahre alt, stammen die ersten gesicherten Werke von seiner Hand.

00:01:54: Sein Ruf muss damals schon hervorragend gewesen sein denn eine Jahr später wurde er als Hofmaler an den Sächsischen Hof von Friedrich dem Weisen berufen und ließ sich mit seiner Werkstatt in Wittenberg nieder.

00:02:07: Und in Witenberg wirkte auch?

00:02:10: Genau, Martin Luther!

00:02:12: Die beiden waren gut befreundet.

00:02:14: Kranach war ein Anhänger von Luthers Lehre und malte viele Porträts von ihm und seiner Frau Katharina von Bora.

00:02:23: Je ein Exemplar befindet sich übrigens auch in der Johanniterkirche.

00:02:26: Mit seinen Porträten trug er zur Verbreitung der neuen Lehre bei Aber er nahm trotzdem Aufträge von der katholischen Kirche an.

00:02:35: Er war einfach sehr gefragt.

00:02:37: Kranach war auch als Bürger sehr angesehen in Wittenberg, er war Mitglied des Wittenberger Rats, Kammerer also Schatzmeister, Bürgermeister von Wittenburg und er arbeitete auch als Immobilienhändler und Verleger.

00:02:53: Im Jahr fifteenhundertzweiundfünfzig.

00:02:56: Kranache war damals bereits im biblischen Alter von achtzig Jahren.

00:02:59: für diese Zeit kam noch einmal Veränderung in sein Leben.

00:03:04: Er folgte dem Kurfürsten Johann Friedrich, dem Großmütigen nach Weimar.

00:03:09: Allerdings starb er dort bereits ein Jahr später.

00:03:12: Auf diesem kleinen Bildchen um das es hier geht malte Kranach eine Familie von Naturmenschen Den fertigen Vater auf einem Steinblock sitzend.

00:03:22: daneben liegt ein soeben von ihm erschlagener Lübe.

00:03:25: Die Augen der Bestie sind zwar noch offen, doch er blutet stark aus dem Maul und wird sicher nicht mehr aufstehen.

00:03:33: Der Mann hält die Keule noch in der Hand mit der Erdenlöwen niederstreckte und blickt stolz zu seiner Frau, die wie er völlig nackt neben ihm steht – an der einen Hand ein kleines Kind und auf dem Arm einen

00:03:48: Säugling.".

00:03:49: Die Frau mit ihrer hellen Haut und dem langen, goldenen Haar steht da wie eine antike Nymphe.

00:03:55: Sie ist wunderschön!

00:03:56: Das Kind auf ihrem Arm streckt sein Händchen nach dem Vater aus der neben ihm auf diesem Marmorblock sitzt mit sonnengebräunter Haut- und groben Gesichtszügen und spitzen Ohren.

00:04:09: Naturmenschen stellte man sich beharrt vor von Kopf bis Fuß auch die Frauen.

00:04:14: Sie waren höchstens mit einem Kleid aus Tarnenzweigen begleitet und man stellte sie sich riesig groß vor, wahre Riesen.

00:04:22: Im Bildnis von Oswald Krähl das Albrecht Dürer malte, stellte er auch Naturmenschen dar oder wilde Leute und einer davon trägt sogar ein dichtes grünes Fell.

00:04:34: Das Bild hängt in der alten Pinakothek.

00:04:36: ich verlinke es mit allen Angaben in den Show-Noten.

00:04:40: Diese Natur Menschen hier die von Lukas Kranach sind nackt und unbeharrt und ohne Kleid aus Tannenreisig.

00:04:47: Die Familie befindet sich auf einer Waldlichtung, ihre helle Haut hebt sich deutlich vom dunklen Wald im Hintergrund ab.

00:04:54: Hinter dem Wald erhebt sich ein Felsen mit einem Burg und weit hinten aber noch vor den Bergen sieht man eine Stadt an einem Gewässer.

00:05:03: Es ist also Zivilisation da doch niemand wird je so weit in den Wald vorstoßen dass er die Familie der Naturmenschen zu Gesicht bekäme.

00:05:12: Bei einem Motiv dieser Art ging es ganz bestimmt auch darum, Akte darstellen zu können.

00:05:17: Nackte Menschen!

00:05:19: Die hellen Körper heben sich bestens vor dem dunklen Wald ab.

00:05:23: Aber sind zottelige Naturmenschen wilde Leute wirklich so geeignet für diese fast klassisch anmutende Darstellung?

00:05:31: Und was soll der Löwe in unserem Breitengraden?

00:05:34: vielleicht ein Verweis auf Urzeiten.

00:05:36: als es noch Naturmensche in unseren Wäldern gab, gab es auch noch Löwen.

00:05:41: Es gibt aber noch ein winziges Detail, das darauf hinweisen könnte dass Kranach tatsächlich einen Motiv außer klassischen Mythologie malte.

00:05:49: Außer dem Löwen, außerdem soklartigen Marmorblock auf dem der Mann sitzt und außer der Pose der Naturfrau im Stile einer antiken Göttin oder Nymphe es sind die Spitzen Ohren des Mannes.

00:06:03: Sie haben etwas Tierartiges sowie ein Satir- oder ein Faun.

00:06:08: diese Naturgötter der griechischen Mythologien waren ursprünglich halb Mensch, halb Ziegenbock.

00:06:14: Doch mit der Zeit wurde ihre tierische Herkunft nur noch angedeutet – mit einem kleinen Ziegenschwanz vielleicht oder winzigen Hörnern oder spitzen Ohren.

00:06:22: Kranach war ein gebildeter Mann.

00:06:25: Er war ja in der Hochrenaissance zum Maler geworden.

00:06:28: Natürlich kannte er Darstellungen von Satiren und die Lehre der antiken Mythologie war auch nördlicher Alpen allgegenwärtig.

00:06:37: Niemand wird die Familie in ihrer Naturidylle je stören.

00:06:42: Auch wir riskieren nur einen Blick in diese besondere Welt, die sich wie durch ein Schlüsselloch auf diesem kleinen Bildtiefelchen von siebenundzwanzig Komma drei mal fünfzehn Komma zwei Zentimeter erspähen lässt.

00:06:55: Es ist ein heimliches Zusehen.

00:06:57: man möchte keine Geräusche machen um nicht entdeckt zu werden.

00:07:01: doch die Frau hat uns gesehen sie blickt uns an wenn wir gerade darüber sprechen.

00:07:06: Viele Maler tun, dass.

00:07:07: sie beziehen uns als Betrachter in ihre Darstellung mit ein.

00:07:11: Ein Moment den man sich nicht nehmen lassen sollte.

00:07:14: Gehen wir zur Theorie der wilden Leute zurück.

00:07:18: Seit dem Mittelalter war die Annahme das es fern ab der Zivilisation noch Naturmenschen oder sogenannte wilde Leute gab weit verbreitet.

00:07:28: dargestellt wurde sie aber meistens nur Als dargestellt wurden sie aber meistens nur als Architekturelemente wie Konsolen oder Dekorelemente von Möbeln und Kunsthandwerk.

00:07:40: Man kennt das ja so kleine Figurchen, die irgendwas stützen oder sie füllten zum Beispiel die Räume zwischen Bögen aus.

00:07:48: Und natürlich waren sie beliebte Motive in der Buchmalerei.

00:07:51: In der Malerei tauchten sie bei Albrecht Dürer auf als Wappenträger des bereits erwähnten Bildnisses von Oswald Krill, das Dürr fourteenhundertneunundachtzig gemalt hat.

00:08:02: Die mittelalterlichen Menschen dachten, dass die wilden Leute nachfahren keins waren – einem der Söhne von Adam und Eva, der seinen Bruder Abel erschlagen hatte!

00:08:12: Die Wilden-Leute waren also keine Vorbilder für uns Menschen.

00:08:16: Ganz anders aber in einer Sage aus dem Alpenraum hier in Lichtenstein unter Region.

00:08:22: Auch hier glaubte man an die wilden Männer, Wildmantel genannt.

00:08:26: Man stellte sie sich klein vor und beharrt.

00:08:29: Niemand bekam sie je zu Gesicht doch sie halfen den Herden auf den Alpen.

00:08:34: Wenn diese zum Beispiel durch einen Wintereinbruch ihr Vieh nicht rechtzeitig zurückholen konnten dann fütterten Sie das Vieh damit es nicht eingehen bis man wieder auf die Alb bekommen konnte.

00:08:46: Doch als die Bauern ihnen zum Dank für ihre Hilfe Kleider schenken wollten waren sie beleidigt und verschwanden auf immer.

00:08:53: Kranach erzählt hier mit seinem Bildchen von der Familie der Naturmenschen eine Geschichte mit großem Spannungsbogen, die vom talentierten gebildeten Künstler, der mit den Legenden seiner Herkunftsgegend genauso vertraut ist wie mit der Mythologie der klassischen Antike.

00:09:12: Wenn dir diese Episode gefallen hat und du mehr Geschichten der Kunstgeschichte hören möchtest, dann abonniere gerne diesen Podcast.

00:09:20: Und lasse mir eine gute Bewertung da!

00:09:22: Aber du kannst auch sehr gerne meinen Newsletter abonnieren unter www.personalartguide.le-newsletter.

00:09:31: Alle Links findest Du in den Shownotes.

00:09:34: Ich würde mich freuen dich in meiner Welt begrüßen zu dürfen.

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